Bärenspuren auf der Dorfstraße
Das andere Gesicht von Griechenland. Dichte Wälder, grüne
Berge, tiefe Schluchten, klare Gebirgsbäche, erfrischende Quellen,
eine vielfältige Flora, ungewohnte Tiere, wenig Tourismus. Eine
Reise in abgelegene Winkel und doch immer nahe einer uns ein wenig fremden
Zivilisation.
Wir stehen auf dem Deck der „Ikarus Pallace“ und blicken
noch einmal zurück auf Venedig. Der Markusplatz und die kleinen
Boote mit Touristen ziehen an uns vorbei. Wir blicken auch zurück
auf fünf erlebnisreiche Tage in den italienischen Alpen. Doch das
ist eine andere Geschichte. Im Gedanken sind wir bereits im Pindosgebirge.
Wir wollen herausfinden, ob die wenigen spärlichen Berichte nicht
zuviel versprochen haben und wir wirklich abgelegene Pisten, einsame
Hochflächen und wasserreiche Täler finden.
Als Ausgangspunkt unserer Tour haben wir Ioannina gewählt, rund
90 Kilometer nordöstlich vom Fährhafen Igoumenitsa entfernt.
Abgesehen von der lebhaften Uferpromenade mit den unzähligen Straßenlokalen
ist die Stadt zwar nicht besonders attraktiv, bietet jedoch sämtliche
Versorgungsmöglichkeiten bis hin zu einem kleinen Zeltplatz direkt
am See.
Nach einem kleinen Abstecher zur sehenswerten Schauhöhle von Perama
am Westufer des Sees ist unser erstes Ziel die Vikosschlucht in der
Zagoria. Der Einstieg von der Hauptstraße aus direkt hinter Metamorfosi
ist gut ausgeschildert und über kleine Bergdörfer gelangen
wir immer weiter hinauf ins Gebirge. Kurz hinter Monodendri löst
sich dann der Asphaltbelag langsam in Wohlgefallen auf und geht über
in eine breite Schotterpiste. Die Berge rings um bestehen aus Kalkgestein,
welches die bizarrsten Formen gebildet hat. Zwischen den niedrigen Bäumen
türmen sich die Gesteinsschichten zu unzähligen Türmen
auf. Am Ende der Piste in 1330 Metern Höhe lassen wir das Fahrzeug
auf einem kleinen Parkplatz stehen und gehen die wenigen Meter zum Vikosbalkon.
Von einer kleinen Felsspitze aus bietet sich ein überwältigender
Blick hinunter in die bis zu 900 Meter tiefe Schlucht. Im Talgrund sind
noch ein paar übrig gebliebene Gumpen des in diesem Abschnitt bereits
weitgehend trocken gefallenen Voidomatisflusses zu erkennen. Der Canyon
lässt sich von Kipi oder Vikos aus auch durchwandern. Dass es um
diese Jahreszeit im Pindos aber ganz und gar nicht trocken ist beweist
uns am späten Nachmittag ein kräftiges Gewitter, das sich
über den Gipfeln rings um uns herum entlädt.
Dank des Gewitters vom Vortag fahren wir bei blauem Himmel weiter hinein
die Zagoria. Zunächst lockt uns eine interessante schmale Piste,
die weit hinauf in die Bergwelt oberhalb der Vikosschlucht führt.
Die Felsformationen werden immer bizarrer und hinter jeder Kurve bieten
sich neue Eindrücke. Nach rund 2 Stunden Fahrt finden wir immer
noch kein Ende und kehren um. Rund 600 Höhenmeter unterhalb unseres
Übernachtungsplatzes von gestern gelangen wir direkt an den Voidomatis.
Hinter einer Biegung taucht unvermittelt die erste der zahlreichen alten
Steinbrücken aus der Zeit der türkischen Herrschaft auf, die
zu einem großen System von Verbindungswegen gehörten. Ein
kleiner Abstecher in Richtung Kipi führt uns noch zu drei weiteren
Brücken. Nun geht es rasch an Höhe gewinnend wieder den Berg
hinauf zur kleinen Ortschaft Vradeto. Es ist noch nicht lange her, dass
dieser Ort fast ausgestorben war. Dank des langsam aufkommenden Tourismus
und dem Geld der Gastarbeiter werden nun immer mehr der alten Steinhäuser
wieder hergerichtet. Auch die Straße hier hinauf ist mittlerweile
gut ausgebaut. Gleich hinter dem Ort ist es dann jedoch vorbei damit
und es geht auf einem ausgewaschen schmalen Weg zu einem weiteren Aussichtspunkt
auf die Vikosschlucht. Als wir uns gerade fragen, wie weit uns dieser
Weg heranführt stehen wir auch schon auf einer kleinen Wendeplatte.
Von hier aus geht es noch ca. 1,5 km zu Fuß weiter.
Beim Abstieg hinunter auf die „Hauptstraße“ genießen
wir noch einmal die beeindruckende Aussicht hinunter ins Tal und auf
die über 2000 Meter hohen Berge gegenüber. Auch für Nichtbotaniker
ist die vielfältige Vegetation interessant. Von weitem sieht alles
kahl und öde aus, aus der Nähe betrachtet entdecken wir jedoch
unzählige unbekannte Blumen, Kräuter und andere Pflanzen.
Wir schlagen nun einen großen Bogen in Richtung Norden. Über
Vovousa wollen wir hinauf zum Aaosstausee und dann weiter nach Metsovo.
Das Landschaftsbild wechselt nun. Durch dichte Schwarzkiefernwälder
schlängelt sich das kleine Sträßchen immer den Hang
entlang. Die Orientierung wird nun schwieriger. Nicht auf allen Schildern
sind die Ortsangaben auch in lateinischer Schrift vorhanden. Hinzu kommt,
dass nicht alle kleinen Ansiedlungen auf unserer ansonsten recht genauen
Karte vorhanden sind. Nun hilft nur noch gutes Orientierungsvermögen
und an den Abzweigungen immer wieder anhalten und Buchstabe für
Buchstabe mit der Karte vergleichen. Doch finden wir uns ohne Umwege
durch. Der Straßenbelag geht abrupt in Schotter über und
hinter der Abzweigung nach Laista, das wir links unter uns liegen lassen,
wird der Zustand dann deutlich schlechter. An einer kleinen Furt sind
wir uns nicht ganz schlüssig, wie es weiter geht. Doch da kommen
zwei Waldarbeiter um die Ecke und trotz Verständigungsschwierigkeiten
können sie uns den richtigen Weg weisen. Dass wir selbst in dieser
abgelegenen Ecke aber doch nicht so weit von der Zivilisation entfernt
sind merken wir, als wir probeweise mal unser Handy einschalten und
vollen Empfang haben. Kurze Zeit später kommen wir oben auf dem
Sattel dann auch an einem Umsetzer vorbei. Später erfahren wir,
dass viele Gebiete auch nur über das Mobilnetz versorgt werden.
Irgendwann erreichen wir dann auch Vovousa direkt am Aaos-Fluss und
müssen feststellen, dass unsere Zeitplanung wohl etwas zu optimistisch
war. Kurz hinter dem Ort entdecken wir einen Gasthof mit Fremdenzimmer
und einer kleinen Campingwiese. Diesen Service nutzen wir natürlich.
Bei näherer Inspektion entpuppt sich die Örtlichkeit (N 39°
54,882 E 21° 03,339) sogar als wahrer Geheimtip. Die Übernachtung
ist mit 3 Euro pro Person äußerst preiswert und die Sanitäranlagen
in bestem Zustand. Nach dem Abendessen und der mittlerweile obligatorischen
Fliegenjagd im Auto wollen wir eigentlich nur noch auf ein Anstandsbier
in die Gaststube. „Rein zufällig“ spricht aber auch
in dieser abgelegenen Ecke wieder jemand sehr gut Deutsch und so entwickelt
sich ein langes Gespräch über Land und Leute, das dann spät
abends beim selbstgebrannten Schnaps endet. Nebenbei erfahren wir auch,
dass fast jede Nacht einer der rund 240 Bären dieser Gegend die
Straße vor dem Gasthof rauf trottet. Er soll sogar schon die Kirche
besucht haben. Zwar nicht um zu beichten, doch das Lampenöl scheint
wohl seinen Geschmack zu treffen.
Oben am Aaosstausee in 1300 Metern Höhe sind wir überrascht
von der gut ausgebauten Werkstraße, die komplett herum führt
und schöne Ausblicke auf den Trinkwasserspeicher von Metsovo bietet.
Über eine kleine Hochfläche mit Gemüsefeldern erreichen
wir die breite Schotterpiste hinunter nach Votonosi, wo wir dringend
wieder tanken müssen. Auf diesen Bergstrecken ist der Verbrauch
unseres alten Mitsubishi L 300 doch um einiges höher.
Um nach Metsovo zu gelangen müssen wir den berüchtigten Katarapass
hinauf. Um diese für LKW gefährliche Strecke zu entschärfen
wird zurzeit fieberhaft an einer neuen Trasse mit zahlreichen Tunneln
und Brückenbauwerken gearbeitet. Der Ort Metsovo ist die einzige
größere Ansiedlung in dieser Gegend. In vielen Terrassen
zieht er sich den Hang hinauf. Die Haupteinnahmequelle ist eindeutig
der Tourismus. Überall werden die verschiedensten Handwerksarbeiten
und örtlichen Spezialitäten angeboten. Über enge Straßen
arbeiten wir uns zum Ortskern vor. Und wie es der Zufall will spielt
gerade die uns bereits aus dem Fernsehen bekannte Wlachenkapelle ihre
eigentümliche Musik zu einer Schauhochzeit. Auf der Suche nach
der Ausfahrt in Richtung Anilio schlängeln wir uns über schmalste
Gassen und müssen an einer Stelle sogar wenden und zurücksetzen,
um die nächste Kehre zu bewältigen.
Hinter Anilo fahren nun wieder weit hinein in die spärlich besiedelte
Bergregion. Ab hier wird die Orientierung jedoch einfacher, da nun eine
sehr gute 50 000er Karte zur Verfügung steht, auf der fast alle
Streckenabschnitte kilometriert sind und die sogar mit einigen GPS-Referenzpunkten
aufwartet. Die Pisten hier oben sind meist nur einspurig. Immer wieder
passieren wir kleine Abrutschungen und Felsbrocken neben der Fahrbahn
und so kommen wir nur langsam vorwärts. Die meiste Zeit fahren
wir zwecks besserer Getriebeabstufung sogar in der kurzen Untersetzung
ohne Allrad (manuelle Freilaufnaben sei dank).
Bei Haliki erreichen wir den Fluss Aspro. Kurz vor dem Ort (N 39°
41,364 E 21° 11,503) kommen wir an einer Wiese mit Sitzgruppe und
Quellwasser direkt am Flussufer vorbei. Und nur wenige hundert Meter
entfernt gibt es sogar ein kleines Gasthaus. Das hätten wir gestern
Abend wissen sollen. Von nun an folgen wir für eine ganze Weile
auf meist gut ausgebauter Straße dem Tal. Der Fluss liegt ein
Stück unter uns und über uns leuchten die Berggipfel in der
Morgensonne. Dazu spielt das Autoradio „Conquest of Paradise“.
Wir fühlen uns also richtig wohl hier. So ganz nebenbei lernen
wir noch die einheimische Tierwelt kennen. Neben Schafen, Ziegen und
Eseln kreuzen auch zahlreiche Eidechsen und vereinzelt Schlangen und
Schildkröten unseren Weg. Wir müssen daher ständig vorsichtig
fahren.
Bei Polithea schwenken wir in Richtung Süden. Nun nennt sich der
Fluss Acheloos und bietet dank einiger Zuflüsse im Frühjahr
auch die Möglichkeit zum Kajak fahren. Wir müssen jetzt von
der Hauptstraße runter auf das rechte Ufer. Im Bereich zwischen
800 und 1000 Höhenmetern geht es nun auf einer nur noch einspurigen
rauhen Schotterpiste weiter. Wir werden zwar ziemlich durchgeschaukelt,
doch Allradantrieb ist jetzt im Juni zum Glück kaum noch nötig.
Eine gute Bodenfreiheit und einwandfreie Bremsen allerdings schon. Randsicherungen
in irgendeiner Form fehlen natürlich auch.
Hin und wieder sieht man kleine Hütten und Unterstände der
Hirten und die schroffen, ausgefransten Bergflanken bieten gute Einblicke
in die Geologie dieser Region. In der Hauptsache finden sich verschiedene
Ablagerungsgesteine, die je nach Festigkeit durch Erosion unterschiedlich
schnell abgetragen werden. Kurz hinter Armatoliko beginnt dann wieder
der Asphalt und ein kurzes Stück weiter kommen wir an eine große
Staumauer, die keinen rechten Sinn macht, da sie nichts aufstaut. Unten
vor der Mauer sind auch noch viele Hütten und Häuser bewohnt.
Unseren Mittagsplatz finden wir im Schatten von zwei uralten knorrigen
Platanen direkt im Flussbett bei Lafina.
Nach einem dringenden Tankstopp in Athamanio wollen wir über die
Hochebene von Theodoriana und einen unbezeichneten, ca. 1800 Meter hohen
Sattel rüber nach Melisourgi. Dass dies eine Piste unterster Kategorie
ist wissen wir, und der Aufstieg wäre allem Anschein nach wohl
noch zu schaffen, doch dann wieder 900 Meter runter und keine Informationen
über die Befahrbarkeit schreckt uns mit dem schwergewichtigen Bus
doch ab. Wir begnügen uns mit einer Rundfahrt um den Kessel und
selbst die hat es in sich. Neben den immer wieder neuen Blicken auf
die Felsformationen bekommen wir auch einen guten Einblick in die Art
der Viehwirtschaft, die wir uns so überhaupt nicht mehr vorstellen
konnten. Zwar ist man heutzutage oft schon mit Pickups motorisiert,
doch die winzigen Unterkünfte werden teilweise noch immer mit dem
gebaut, was die Natur zur Verfügung stellt.
Früh um 9 Uhr stehen wir mitten im Flussbett des Arachthos und
fotografieren die schöne alte Bogenbrücke von Plaka (N 39°
27,436 E 21° 01,929). Wären wir gestern Abend auf der etwas
nervenden Suche nach einem geeigneten Übernachtungsplatz nur 4
Kilometer weiter gefahren, hätten wir auf einer großen Freifläche
direkt am Ufer stehen können. Ansonsten bietet diese Region nur
wenig wirklich Neues und so planen wir ein wenig um und fahren wieder
Richtung Ioannina. Da wir ausreichend Zeit haben darf natürlich
ein Abstecher in die griechische Antike zum Amphitheater von Dodoni
nicht fehlen. Und selbstverständlich gehört zu einer Griechenlandreise
auch ein Bad im Meer und so verbringen wir noch zwei Tage in der Nähe
von Igoumenitsa auf dem kleinen, gut eingerichteten Campingplatz „Elena´s
Beach“ und warten auf unsere Fähre. Ob wir hier pünktlich
weg kommen wissen allerdings höchstens die griechischen Götter,
da ausgerechnet jetzt die Hafenarbeiter streiken und kein Schiff in
Richtung Italien fährt.
Volker Wasmus & Norbert Lehmann © 2002