Griechenland 2002

Bärenspuren auf der Dorfstraße


Das andere Gesicht von Griechenland. Dichte Wälder, grüne Berge, tiefe Schluchten, klare Gebirgsbäche, erfrischende Quellen, eine vielfältige Flora, ungewohnte Tiere, wenig Tourismus. Eine Reise in abgelegene Winkel und doch immer nahe einer uns ein wenig fremden Zivilisation.


Wir stehen auf dem Deck der „Ikarus Pallace“ und blicken noch einmal zurück auf Venedig. Der Markusplatz und die kleinen Boote mit Touristen ziehen an uns vorbei. Wir blicken auch zurück auf fünf erlebnisreiche Tage in den italienischen Alpen. Doch das ist eine andere Geschichte. Im Gedanken sind wir bereits im Pindosgebirge. Wir wollen herausfinden, ob die wenigen spärlichen Berichte nicht zuviel versprochen haben und wir wirklich abgelegene Pisten, einsame Hochflächen und wasserreiche Täler finden.


Als Ausgangspunkt unserer Tour haben wir Ioannina gewählt, rund 90 Kilometer nordöstlich vom Fährhafen Igoumenitsa entfernt. Abgesehen von der lebhaften Uferpromenade mit den unzähligen Straßenlokalen ist die Stadt zwar nicht besonders attraktiv, bietet jedoch sämtliche Versorgungsmöglichkeiten bis hin zu einem kleinen Zeltplatz direkt am See.


Nach einem kleinen Abstecher zur sehenswerten Schauhöhle von Perama am Westufer des Sees ist unser erstes Ziel die Vikosschlucht in der Zagoria. Der Einstieg von der Hauptstraße aus direkt hinter Metamorfosi ist gut ausgeschildert und über kleine Bergdörfer gelangen wir immer weiter hinauf ins Gebirge. Kurz hinter Monodendri löst sich dann der Asphaltbelag langsam in Wohlgefallen auf und geht über in eine breite Schotterpiste. Die Berge rings um bestehen aus Kalkgestein, welches die bizarrsten Formen gebildet hat. Zwischen den niedrigen Bäumen türmen sich die Gesteinsschichten zu unzähligen Türmen auf. Am Ende der Piste in 1330 Metern Höhe lassen wir das Fahrzeug auf einem kleinen Parkplatz stehen und gehen die wenigen Meter zum Vikosbalkon. Von einer kleinen Felsspitze aus bietet sich ein überwältigender Blick hinunter in die bis zu 900 Meter tiefe Schlucht. Im Talgrund sind noch ein paar übrig gebliebene Gumpen des in diesem Abschnitt bereits weitgehend trocken gefallenen Voidomatisflusses zu erkennen. Der Canyon lässt sich von Kipi oder Vikos aus auch durchwandern. Dass es um diese Jahreszeit im Pindos aber ganz und gar nicht trocken ist beweist uns am späten Nachmittag ein kräftiges Gewitter, das sich über den Gipfeln rings um uns herum entlädt.


Dank des Gewitters vom Vortag fahren wir bei blauem Himmel weiter hinein die Zagoria. Zunächst lockt uns eine interessante schmale Piste, die weit hinauf in die Bergwelt oberhalb der Vikosschlucht führt. Die Felsformationen werden immer bizarrer und hinter jeder Kurve bieten sich neue Eindrücke. Nach rund 2 Stunden Fahrt finden wir immer noch kein Ende und kehren um. Rund 600 Höhenmeter unterhalb unseres Übernachtungsplatzes von gestern gelangen wir direkt an den Voidomatis. Hinter einer Biegung taucht unvermittelt die erste der zahlreichen alten Steinbrücken aus der Zeit der türkischen Herrschaft auf, die zu einem großen System von Verbindungswegen gehörten. Ein kleiner Abstecher in Richtung Kipi führt uns noch zu drei weiteren Brücken. Nun geht es rasch an Höhe gewinnend wieder den Berg hinauf zur kleinen Ortschaft Vradeto. Es ist noch nicht lange her, dass dieser Ort fast ausgestorben war. Dank des langsam aufkommenden Tourismus und dem Geld der Gastarbeiter werden nun immer mehr der alten Steinhäuser wieder hergerichtet. Auch die Straße hier hinauf ist mittlerweile gut ausgebaut. Gleich hinter dem Ort ist es dann jedoch vorbei damit und es geht auf einem ausgewaschen schmalen Weg zu einem weiteren Aussichtspunkt auf die Vikosschlucht. Als wir uns gerade fragen, wie weit uns dieser Weg heranführt stehen wir auch schon auf einer kleinen Wendeplatte. Von hier aus geht es noch ca. 1,5 km zu Fuß weiter.
Beim Abstieg hinunter auf die „Hauptstraße“ genießen wir noch einmal die beeindruckende Aussicht hinunter ins Tal und auf die über 2000 Meter hohen Berge gegenüber. Auch für Nichtbotaniker ist die vielfältige Vegetation interessant. Von weitem sieht alles kahl und öde aus, aus der Nähe betrachtet entdecken wir jedoch unzählige unbekannte Blumen, Kräuter und andere Pflanzen.


Wir schlagen nun einen großen Bogen in Richtung Norden. Über Vovousa wollen wir hinauf zum Aaosstausee und dann weiter nach Metsovo. Das Landschaftsbild wechselt nun. Durch dichte Schwarzkiefernwälder schlängelt sich das kleine Sträßchen immer den Hang entlang. Die Orientierung wird nun schwieriger. Nicht auf allen Schildern sind die Ortsangaben auch in lateinischer Schrift vorhanden. Hinzu kommt, dass nicht alle kleinen Ansiedlungen auf unserer ansonsten recht genauen Karte vorhanden sind. Nun hilft nur noch gutes Orientierungsvermögen und an den Abzweigungen immer wieder anhalten und Buchstabe für Buchstabe mit der Karte vergleichen. Doch finden wir uns ohne Umwege durch. Der Straßenbelag geht abrupt in Schotter über und hinter der Abzweigung nach Laista, das wir links unter uns liegen lassen, wird der Zustand dann deutlich schlechter. An einer kleinen Furt sind wir uns nicht ganz schlüssig, wie es weiter geht. Doch da kommen zwei Waldarbeiter um die Ecke und trotz Verständigungsschwierigkeiten können sie uns den richtigen Weg weisen. Dass wir selbst in dieser abgelegenen Ecke aber doch nicht so weit von der Zivilisation entfernt sind merken wir, als wir probeweise mal unser Handy einschalten und vollen Empfang haben. Kurze Zeit später kommen wir oben auf dem Sattel dann auch an einem Umsetzer vorbei. Später erfahren wir, dass viele Gebiete auch nur über das Mobilnetz versorgt werden.


Irgendwann erreichen wir dann auch Vovousa direkt am Aaos-Fluss und müssen feststellen, dass unsere Zeitplanung wohl etwas zu optimistisch war. Kurz hinter dem Ort entdecken wir einen Gasthof mit Fremdenzimmer und einer kleinen Campingwiese. Diesen Service nutzen wir natürlich. Bei näherer Inspektion entpuppt sich die Örtlichkeit (N 39° 54,882 E 21° 03,339) sogar als wahrer Geheimtip. Die Übernachtung ist mit 3 Euro pro Person äußerst preiswert und die Sanitäranlagen in bestem Zustand. Nach dem Abendessen und der mittlerweile obligatorischen Fliegenjagd im Auto wollen wir eigentlich nur noch auf ein Anstandsbier in die Gaststube. „Rein zufällig“ spricht aber auch in dieser abgelegenen Ecke wieder jemand sehr gut Deutsch und so entwickelt sich ein langes Gespräch über Land und Leute, das dann spät abends beim selbstgebrannten Schnaps endet. Nebenbei erfahren wir auch, dass fast jede Nacht einer der rund 240 Bären dieser Gegend die Straße vor dem Gasthof rauf trottet. Er soll sogar schon die Kirche besucht haben. Zwar nicht um zu beichten, doch das Lampenöl scheint wohl seinen Geschmack zu treffen.


Oben am Aaosstausee in 1300 Metern Höhe sind wir überrascht von der gut ausgebauten Werkstraße, die komplett herum führt und schöne Ausblicke auf den Trinkwasserspeicher von Metsovo bietet. Über eine kleine Hochfläche mit Gemüsefeldern erreichen wir die breite Schotterpiste hinunter nach Votonosi, wo wir dringend wieder tanken müssen. Auf diesen Bergstrecken ist der Verbrauch unseres alten Mitsubishi L 300 doch um einiges höher.
Um nach Metsovo zu gelangen müssen wir den berüchtigten Katarapass hinauf. Um diese für LKW gefährliche Strecke zu entschärfen wird zurzeit fieberhaft an einer neuen Trasse mit zahlreichen Tunneln und Brückenbauwerken gearbeitet. Der Ort Metsovo ist die einzige größere Ansiedlung in dieser Gegend. In vielen Terrassen zieht er sich den Hang hinauf. Die Haupteinnahmequelle ist eindeutig der Tourismus. Überall werden die verschiedensten Handwerksarbeiten und örtlichen Spezialitäten angeboten. Über enge Straßen arbeiten wir uns zum Ortskern vor. Und wie es der Zufall will spielt gerade die uns bereits aus dem Fernsehen bekannte Wlachenkapelle ihre eigentümliche Musik zu einer Schauhochzeit. Auf der Suche nach der Ausfahrt in Richtung Anilio schlängeln wir uns über schmalste Gassen und müssen an einer Stelle sogar wenden und zurücksetzen, um die nächste Kehre zu bewältigen.


Hinter Anilo fahren nun wieder weit hinein in die spärlich besiedelte Bergregion. Ab hier wird die Orientierung jedoch einfacher, da nun eine sehr gute 50 000er Karte zur Verfügung steht, auf der fast alle Streckenabschnitte kilometriert sind und die sogar mit einigen GPS-Referenzpunkten aufwartet. Die Pisten hier oben sind meist nur einspurig. Immer wieder passieren wir kleine Abrutschungen und Felsbrocken neben der Fahrbahn und so kommen wir nur langsam vorwärts. Die meiste Zeit fahren wir zwecks besserer Getriebeabstufung sogar in der kurzen Untersetzung ohne Allrad (manuelle Freilaufnaben sei dank).


Bei Haliki erreichen wir den Fluss Aspro. Kurz vor dem Ort (N 39° 41,364 E 21° 11,503) kommen wir an einer Wiese mit Sitzgruppe und Quellwasser direkt am Flussufer vorbei. Und nur wenige hundert Meter entfernt gibt es sogar ein kleines Gasthaus. Das hätten wir gestern Abend wissen sollen. Von nun an folgen wir für eine ganze Weile auf meist gut ausgebauter Straße dem Tal. Der Fluss liegt ein Stück unter uns und über uns leuchten die Berggipfel in der Morgensonne. Dazu spielt das Autoradio „Conquest of Paradise“. Wir fühlen uns also richtig wohl hier. So ganz nebenbei lernen wir noch die einheimische Tierwelt kennen. Neben Schafen, Ziegen und Eseln kreuzen auch zahlreiche Eidechsen und vereinzelt Schlangen und Schildkröten unseren Weg. Wir müssen daher ständig vorsichtig fahren.


Bei Polithea schwenken wir in Richtung Süden. Nun nennt sich der Fluss Acheloos und bietet dank einiger Zuflüsse im Frühjahr auch die Möglichkeit zum Kajak fahren. Wir müssen jetzt von der Hauptstraße runter auf das rechte Ufer. Im Bereich zwischen 800 und 1000 Höhenmetern geht es nun auf einer nur noch einspurigen rauhen Schotterpiste weiter. Wir werden zwar ziemlich durchgeschaukelt, doch Allradantrieb ist jetzt im Juni zum Glück kaum noch nötig. Eine gute Bodenfreiheit und einwandfreie Bremsen allerdings schon. Randsicherungen in irgendeiner Form fehlen natürlich auch.


Hin und wieder sieht man kleine Hütten und Unterstände der Hirten und die schroffen, ausgefransten Bergflanken bieten gute Einblicke in die Geologie dieser Region. In der Hauptsache finden sich verschiedene Ablagerungsgesteine, die je nach Festigkeit durch Erosion unterschiedlich schnell abgetragen werden. Kurz hinter Armatoliko beginnt dann wieder der Asphalt und ein kurzes Stück weiter kommen wir an eine große Staumauer, die keinen rechten Sinn macht, da sie nichts aufstaut. Unten vor der Mauer sind auch noch viele Hütten und Häuser bewohnt. Unseren Mittagsplatz finden wir im Schatten von zwei uralten knorrigen Platanen direkt im Flussbett bei Lafina.


Nach einem dringenden Tankstopp in Athamanio wollen wir über die Hochebene von Theodoriana und einen unbezeichneten, ca. 1800 Meter hohen Sattel rüber nach Melisourgi. Dass dies eine Piste unterster Kategorie ist wissen wir, und der Aufstieg wäre allem Anschein nach wohl noch zu schaffen, doch dann wieder 900 Meter runter und keine Informationen über die Befahrbarkeit schreckt uns mit dem schwergewichtigen Bus doch ab. Wir begnügen uns mit einer Rundfahrt um den Kessel und selbst die hat es in sich. Neben den immer wieder neuen Blicken auf die Felsformationen bekommen wir auch einen guten Einblick in die Art der Viehwirtschaft, die wir uns so überhaupt nicht mehr vorstellen konnten. Zwar ist man heutzutage oft schon mit Pickups motorisiert, doch die winzigen Unterkünfte werden teilweise noch immer mit dem gebaut, was die Natur zur Verfügung stellt.


Früh um 9 Uhr stehen wir mitten im Flussbett des Arachthos und fotografieren die schöne alte Bogenbrücke von Plaka (N 39° 27,436 E 21° 01,929). Wären wir gestern Abend auf der etwas nervenden Suche nach einem geeigneten Übernachtungsplatz nur 4 Kilometer weiter gefahren, hätten wir auf einer großen Freifläche direkt am Ufer stehen können. Ansonsten bietet diese Region nur wenig wirklich Neues und so planen wir ein wenig um und fahren wieder Richtung Ioannina. Da wir ausreichend Zeit haben darf natürlich ein Abstecher in die griechische Antike zum Amphitheater von Dodoni nicht fehlen. Und selbstverständlich gehört zu einer Griechenlandreise auch ein Bad im Meer und so verbringen wir noch zwei Tage in der Nähe von Igoumenitsa auf dem kleinen, gut eingerichteten Campingplatz „Elena´s Beach“ und warten auf unsere Fähre. Ob wir hier pünktlich weg kommen wissen allerdings höchstens die griechischen Götter, da ausgerechnet jetzt die Hafenarbeiter streiken und kein Schiff in Richtung Italien fährt.

Volker Wasmus & Norbert Lehmann © 2002